Monolog im Dunkeln

Eine kurze Fingerübung in zweiter Person

Nun sitzt du also hier im Gras, hast den Sonnenuntergang verpasst. Was hast du dir dabei gedacht, denkst du überhaupt, wenigstens jetzt, während die letzten Strahlen der Sonne sich hinter dem Horizont verkriechen? Was hast du jetzt vor? Verdammt, halt still, und schau nicht hin! Reicht es nicht, dass du schon ihre Stimmen hören kannst, ganz weit hinten in deinem Kopf, leise, ein bedrohliches Flüstern? Sie kommen in der Nacht, wenn die Schatten weit genug übers Land reichen, um sie zu uns zu tragen. Nur auf den Schatten können sie gehen, bei Licht sind sie weit weg, in ihren Höhlen. Du weißt, dass sie kommen werden. Sie sind fast da, du hörst ihre Stimmen, leise, aber lauter werdend.
Was machst du da? Lass das, nimm die Finger vom Kristall! Willst du etwa, dass sie ihn sofort finden? Nur diese kleine Perle aus geschliffenem Stein suchen sie. Es ist ihnen egal, ob du lebst oder nicht. Tagwesen wie du sind für sie nur Sammler, die das Licht einfangen. Du lebst vom Licht, hast du das vergessen? Solange die Sonne scheint, lädt sich der Kristall mit warmer Energie auf, und nachts, wenn es so dunkel ist, wie es gleich wird, lebst du aus dem hellen Stein, bis er morgens leer ist, und du es kaum erwarten kannst, hinaus auf die Wiese zu laufen. Damit er sich wieder auflädt, aber daran denkst du ja nicht.
Ihr Stimmen in deinem Kopf werden lauter, sie kommen näher, sehen deine Gedanken. Wo du bist, ist ihnen gleich, denn sie können nicht sehen, ihre Welt ist schwarz. Alles, was sie sehen, sind deine Gedanken, und die schreien unüberhörbar. In deinem Kopf jagen sich Bilder aus der Tagwelt, weil du nichts anderes kennst, du solltest schließlich mit der Sonne nach hause gehen. Hell und bunt sind deine Erinnerungen, jeder kann sie von weitem sehen, jeder kann dich finden. Du denkst schon wieder an den Kristall. Damit machst du es nur noch schlimmer, denk jetzt an etwas anderes, stell dir die Farbe Schwarz vor.
Gut so, jetzt können sie dich nicht mehr so deutlich sehen, du leuchtest nicht mehr, wenn du an Schwarz denkst. Bekommst du auch Stille hin? Nein, das wäre zu viel verlangt. Aber du darfst nicht an sie denken, auch nicht daran, was sie suchen, und erst recht nicht an deine Angst. Versteck dich, sag ein Gedicht auf! So gibst du ihnen wenigstens keine nützlichen Informationen. Hören müssen sie dich sowieso. Vielleicht laufen sie an dir vorbei, wenn du noch fester an Schwarz denkst, bis das Bild hinter deinen Augen eins wird mit der Nacht, und sie dich nicht mehr sehen können.
Bald gehen die Sterne auf, aber sie sind zu weit weg, um dir Kraft zu schenken, eisig weiße Punkte am Himmel sind sie nur. Versuch es gar nicht erst, sie verführen dich höchstens dazu, vom Licht zu träumen. Gut machst du das, hinter deiner schwarzen Fassade bist du so gut wie unsichtbar. Hörst du, wie die Stimmen wieder leiser werden? Sie entfernen sich. Bestimmt ziehen sie weiter durch die Nacht, auf der Suche nach einem anderen Tagwesen, das es genauso verpasst hat, vor dem letzten Sonnenstrahl zu hause zu sein. Halt einfach still, denk nichts Sinnvolles, dann überlebst du die Nacht hier draußen. Das Gras ist kühl, aber nicht zu kalt. In der Luft hängt Nebel, kein Regen. Du schaffst das schon, wenn du in der Welt der Gedanken weiter so unsichtbar bleibst. Und morgen früh hast du hoffentlich etwas gelernt. Hör auf mich, deine innere Stimme!