Heimkehr

Oder: Ein verschwundener Planetenforscher

Sanft geschwungen erhebt sich der Boden vor dir, keine zehn Schritte entfernt, du könntest versuchen, darauf zu laufen. Sein von innen her leuchtendes Blau, so tief und ruhig, fesselt deine Augen, seit du diese Seite der Felsenkette erblickt hast. Es kann erst wenige Stunden her sein, dass die vertraute Landefähre außer Sichtweite zurück geblieben ist, und doch fühlt es sich an, als hättest du niemals auf einen anderen Stern gehört.
Langsam, vorsichtig, und dann immer schneller, bist du dem lautlosen Ruf des glizternden Felsens gefolgt, blind einem Ziehen gehorchend, so sicher, plötzlich genau das Richtige zu tun. Seine von unbekanntem, flimmerndem Material überzogenen Steine formten sich wie Kissen unter deinen Stiefeln, sie nahmen dich auf, führten dich höher, auf die Spitze, auf die andere Seite, in dein Tal. Angekommen bist du, hier, und kannst nicht mehr wegsehen; könntest laufen, wenn du denn wolltest, doch stehst still in den Halt gebenden Löchern, die der weiche Grund um deine Schuhe formte.

Tief blaue Murmeln kugeln verspielt den Berghang hinunter. Ist das ein Hügel, etwas Festes? Nein, oh, er ist schon wieder fort, ausgebügelt zu einer fließenden Ebene, die schwingt und sich wellt wie dünne Folie, die auf einem Teich liegt. Wasser, unter der blauen Schicht! Fröhliche Wellen schlagen auf und ab, kräuseln sich, dringen in grellem Magenta strahlend durch das Blau. Eine Fontäne steigt langsam, ganz langsam in die Richtung, in die deine Füße nicht zeigen - nach oben?
Gelbe Streifen kriechen an der rosanen Säule empor, als wollten sie die glühende Flüssigkeit überstrahlen, mit einem beißenden Zitronengelb, fast schon grünlich, das dir wie Apfelduft in die Nase steigt. Der stickige Rauch ist wie weggeblasen, keine Spur mehr davon kannst du riechen. Nur noch dieser herrliche, befreiende Geruch, überall in der klaren Luft, die sich dreht und verwirbelt, bevor du bemerkst, wie ein Sturm aufzieht.
Unaufhaltsamer Wind reißt an den Nähten deines Raumanzugs, unzählige unsichtbare Moleküle prasseln gegen die Schutzbrille, die deine Augen abschirmt gegen das Schauspiel, das du nur bewegungslos vor Faszination bewundern kannst. Schnell wird der Sturm lauter, pfeift um dich herum, singt die Musik dieser Welt. Die leuchtend bunte Fontäne hat längst die Wolken erreicht, in allen Blautönen schattierte Gebilde, die hoch über dem Tal dahin jagen, ständig in Bewegung, immer neue Figuren formend.

Während du nach oben starrst, in die Säule aus strahlenden Wassermassen, in die tanzenden Wolken, packt dich die tosende Luft, wirbelt dich hinauf, über das Tal, über den See mit seinen flatternden Folienfetzen, die wie dunkelblaue Tücher aus drahtigen Zweigen wachsen, und als zerrissene Fahnen zur Mitte hin wehen, gefangen im Sog der Fontäne, die ihren Zusammenhalt, den Berghang, gesprengt und zu allen Seiten geschleudert hat. So wie die Umrisse tausender Folien, zieht der Sog auch dich hinauf in die Wolken, doch nichts hält deinen Körper zurück, das blaue Land mit seinen traumhaft verwirrenden, leuchtenden, umwerfend schönen Neonfarben liegt weit unter dir, endlich siehst du alles auf einmal. Alles, ganz direkt, ohne Filter, ohne Kameras und Kunststoffscheiben zwischen euch.
Nur ein kurzer Blick ist dir gegönnt, bevor dein Kopf die wirbelnde Wolkenschicht erreicht, eintaucht, der sprudelnd rauschenden Stimme des duftenden Wassers folgend. Ein kühles Netz feiner Tautropfen zieht sich über dein Gesicht, Niederschlag der unbekannten Atmosphäre, der dir fremd sein sollte. Doch du spürst keine Angst, nein, zuhause fühlst du dich, während kleine Tropfen Muster auf deine Haut zeichnen, sie einfärben und in die lebensfrohen Farben dieser Welt tauchen, dich zu einem Teil davon machen. Die Spitze der Apfelsäule erscheint unter dir, duftet nun nach ... nach ... kein Wort will dir einfallen, deine Sprache passt nicht an diesen Ort.

In die flache Oberseite der Wassersäule eingetaucht, kühlt die magenta glühende Flüssigkeit so angenehm jeden Flecken deiner Haut, dass du erst Minuten später feststellst, dass du atmen konntest. Ob Wasser oder Luft, diesem Traum ist es egal, beide Elemente nehmen dich an. Strömung führt dich hinab, in die violetten Tiefen des Teiches, einen Garten aus freundlichen, türkis gefärbten Blitzen, durch ein Lichterspiel in Orange und Grün. Sind es Pflanzen, unscharf umrissen und sanft mit dem Wasser verlaufend, lebende Bewohner einer Welt ohne klare Begrenzungen? Aufmerksam siehst du dich um, und suchst nach Kontrasten, scharfen Kanten, eindeutigen Grenzen. Nichts.
Der Weg der Strömung führt in eine Höhle, wo sie als unterirdischer Fluss ihre Reise, eure Reise, fortsetzt. Der Garten folgt ihm, Blätter aus diffusem Grün, verschwimmendes Rot als Blüten, schimmern gegen alles dominierendes Blau an, als das Wasser dunkler wird, mitsamt dem hier schwächer schimmernden Magenta-Strom. Noch immer drehst du dich, suchst rund herum nach Kanten, Kontrasten, klaren Grenzen, und findest, tief in dir selbst, die glückselige Bestätigung: Es gibt sie nicht.
Nicht einmal du bist noch ein Gegensatz, glühend in verzauberten Mustern verläuft deine Oberfläche mit der Umgebung. Ganz selbstverständlich ist es, nichts anderes hättest du erwartet, als ein neuer Teil des Meeres. Eine schwache Erinnerung schwingt mit der stetigen Bewegung, das leise Wissen über einen Raumanzug, der sich aufgelöst hat, und etwas aus starrem Glas, das deine neuen Augen nun nicht mehr brauchen, denn sie gehören zur Umgebung, und brauchen keinen Schutz vor sich selbst.
Angekommen, daheim, hier hast du den Ort gefunden, an dem du keine Träume mehr brauchst. Dein Planet hat dich gefunden, und wird dich nicht wieder hergeben. Diese wärmende Sicherheit schwingt in jeder Welle, die durch farbenfroh winkende Blätter zieht, und in jeder der vielen Stimmen, die leise, lauter werdend, an dein Ohr dringen, nach dir rufen, dich willkommen heißen. Sie haben dich gefunden, und warten auf dich.