Ausnahmsweise gibt es heute keinen Bastelbericht, sondern einen Erfahrungsbericht über Active Noise Cancelling.

Zusammenfassung

  • Der „MM 450-X“ von Sennheiser spielt seine Stärken bei statischem Lärm aus.
  • Stadtgeräusche bleiben zuverlässig unter der Schmerzgrenze.
  • Fremdes Gelaber verschwindet unter der Zuhörzwanggrenze.
  • Perfekte Wirkung entfaltet sich zusammen mit White Noise.
  • Für Wind wird sinnloser Antischall erzeugt, denn man als lästiges Zischen hört.
  • Mancher Antischall wird zu spät abgespielt, was als verzerrtes Echo zu hören ist.

Ausschweifender Erfahrungsbericht

Bisher hatte ich mir den Straßenverkehr in voller Lautstärke angetan. Nur in krassen Ausnahmefällen wie tratschenden Sitznachbarn oder schreienden Kindern benutzte ich wiederverwendbare Ohrstöpsel von SonicShop. Leider dämpfen Stöpsel relativ schlecht, sitzen dabei unbequem und sehen blöd aus.

Außerdem habe ich einen Nachbarn, der mir gelegentlich seine Musik durch die Wand aufzwingt. Nein, ich gehöre nicht zu den Leuten die in gleicher Lautstärke dagegen halten bis die Hütte einstürzt.

Als Universallösung schaffte ich mir nun den Kopfhörer „MM 450-X“ mit Active Noise Cancelling von Sennheiser an. Kaufentscheidung war, dass er unter denen mit guten Testberichten der einzige Bezahlbare mit Bluetooth war. Außerdem hatte ich gute Erfahrungen damit, für ältere Sennheiser-Kopfhörer noch Ersatzteile zu beschaffen (ja, ich repariere Dinge, bevor ich sie wegwerfe).
Die Antischall-Funktion heißt hier „NoiseGuard“. Man kann sie mit einem Knopf ein-/ausschalten, und zwar unabhängig davon, ob der Kopfhörer mit einem Abspielgerät verbunden ist.

Trockenschwimmen

Erste Tests in der ruhigen Wohnung. Die Uhr tickt, mit eingeschaltetem „NoiseGuard“ tickt sie deutlich leiser. Was allerdings stört, ist das leise Knistern und Rauschen, welches der „NoiseGuard“ selbst erzeugt. Kaum schaltet man die Funktion ein, prasselt es in beiden Ohren. Dadurch erweist es sich als sinnlos, mit dem Kopfhörer das Lüfterrauschen des Notebooks auszublenden. Ich tausche damit nur das tiefe Rauschen des Rechners gegen das helle Rauschen des „NoiseGuard“.

Musik per Bluetooth

Dann verbinde ich den Kopfhörer per Bluetooth mit meinem Blackberry, was anstandslos funktioniert. Die PIN „0000″ lässt sich nicht ändern. Das finde ich etwas schade, aber praktisch harmlos.

Naturklänge wie Vogelstimmen klingen ganz gut, aber bei einem Mozart-Konzert bin ich dann froh, dass ich die Musik kenne und mein Gehirn die Lücken eigenmächtig interpoliert. Irgendwie klingen die Höhen dünn und das Grundrauschen verschmiert die Perkussion. Mit Kabel statt Bluetooth ändert sich nichts. Allerdings kann ich derzeit nicht beurteilen, wie viel Klangqualität bereits der Blackberry verdirbt.

Erster Erfolg und Misserfolg

Ich schalte zusätzlich das Kofferradio ein und höre … nichts!
Ich nehme den Hörer kurz ab, da höre ich ganz deutlich den Rundfunksprecher.
Ich setze ihn wieder auf, konzentriere mich und höre nun ein leises, unverständliches Gemurmel. Nach fünf Sekunden hat mein Gehirn es ausgeblendet.
Das wiederum überzeugt mich. Wenn es gegen Rundfunk hilft, dann auch gegen laute Sitznachbarn in der Bahn.

Dann passiert etwas Ungeplantes: Die Nase kitzelt … und trickst den „NoiseGuard“ aus. Mein eigenes Niesen höre ich zuerst, kurz danach den Gegenschall. Eigentlich klar: Der Schall ist von innen zuerst am Ohr, Mikrosekunden bevor er das Mikrophon erreicht. Witzig! :)

Berufsverkehr

Am nächsten Morgen begleitet mich der Kopfhörer zur Arbeit. An der Haltestelle setze ich die Kopfhörer auf und erstmal fällt mir gar nicht so viel auf. Ein Auto hupt, das höre ich noch deutlich, es tut nur ausnahmsweise nicht im Ohr weh. Bisher gefällt mir das Ergebnis: Ich habe das Gefühl, alles um mich herum zu hören, nur klar unterhalb der Schmerzgrenze. Obwohl es allgemein leiser ist, bleibt das „taube Glaskasten-Gefühl“ aus, das mich an Ohrstöpseln immer störte.

Gewöhnungsbedürftig ist nur der Wind, vor dem mein Ohr abgeschirmt ist, jedoch nicht das außen sitzende Mikrophon. Das heißt, der „NoiseGuard“ pustet mir für jede Böe einen Antischall ins Ohr, obwohl der Original-Windhauch nie bei mir angekommen ist.

Nach einer Minute hebe ich den Hörer vorsichtig hoch, um einen Vergleich zu bekommen. Ich hätte gar nicht gedacht, wie laut es wirklich ist!

Zeitversatz

Ich steige in die Straßenbahn, das Anfahrgeräusch klingt verschwommen. Dann rumpeln die Räder: Jedes echte „Rumms“ der Bahn ist leise; Sekundenbruchteile danach folgt ein ähnlich leises, aber unerwartetes „Wusch“. Ich vermute, dass es derselbe Effekt ist, der mir gestern beim Niesen aufgefallen ist. Fahrgeräusche, die über den Sitz in meine Knochen übertragen werden, gelangen über den Kiefer schneller ins Ohr als übers Trommelfell. Deshalb höre ich das Rumpeln, bevor das Mikrophon es mitbekommt, und dann den Antischall kurz danach.
Eine andere Theorie ist, dass der „NoiseGuard“ einfach nicht schnell genug ist und den Antischall für kurze Geräusche zu spät generiert.

Die Mischung aus Menschen und Motorgeräusch ist aber angenehm leise. Die Ansagestimme aus dem Lautsprecher ist hervorragend verständlich, so dass ich trotzdem keine Haltestelle verpasse. Wobei ich anmerken muss, dass die Durchsagen in Hannovers Straßenbahnen oft schmerzhaft laut krächzen. Der Antischall reduziert sie genau auf ein angenehmes Maß, wie vorhin die Autohupe.

Nun schalte ich etwas Musik dazu. Brahms „Ungarische Tänze“ machen einen ungewohnt eintönigen, dumpfen Eindruck. Aber bei bekannten Melodien brauche ich zum Glück nur Andeutungen, um den Rest im Kopf spielen zu lassen. Immerhin muss ich nicht laut aufdrehen, die Musik legt sich zuverlässig über die Reste der Umgebungsgeräusche.

Entzugserscheinungen

Nach zwanzig Minuten bemerke ich, dass meine Sitznachbarn quatschen. Grandioserweise fällt mir nur ein unverständliches, leises Gemurmel auf, welches nicht beim Lesen stört. Probeweise hebe ich den Kopfhörer an … und bin entsetzt! ENTSETZT davon, wie laut die Realität ist. Plötzlich dröhnen das Gerede der Passagiere und das Motorgeräsuch der Bahn auf mich ein. Jedes Rumpeln auf unebenen Schienen ist ein knackiges „Rumms“.

Wie habe ist SOWAS bloß jeden Morgen ausgehalten? Schnell setze ich den Hörer wieder auf. Der Lärmpegel normalisiert sich sofort, die fremden Gespräche verschwimmen, auch die Räder unter mir machen nur noch „rmm…wusch“ statt „RUMMS“.

Am Ziel packe ich den Köpfhörer natürlich ein. Kein Gehörschutz im Straßenverkehr! Zu leicht könnte man ein Auto überhören.

Rückfahrt

Abends wiederholt sich das Experiment. Diesmal warte ich im dichtest möglichen Berufsverkehr an einer Haltestelle, die sich mitten in die Vahrenwalder Straße zwängt. Wer diese Straße nicht kennt: Seid froh! Sie ist ein sechsspuriges „Stadttor“ zwischen A2, Flughafen und Hannover-Innenstadt. Die Straßenbahn verkehrt in der Mitte davon, mit möglichst schmalen Tiefbahnsteigen ohne Geländer. Transporter und fette Dienstwagen dröhnen mit Tempo 50 so dicht am Bahnsteig vorbei, dass einen fast die Außenspiegel streifen.

Hier zeigt der „NoiseGuard“ sein wahres Potenzial: Kaum setze ich den Kopfhörer auf, sind die Autos weg! Also, wenn ich hinschaue, rollt der Stau noch. Aber der brutale Lärm ist gefühlt auf 10% reduziert.
Nach einer Minute wieder die Gegenprobe. Ich hebe den Hörer an – und bin ENTSETZT! Wie habe ich DAS jeden Abend ausgehalten? Schnell wieder ausblenden … kurz darauf verpasse ich beinahe die Bahn, weil ich sie nicht einfahren höre.

Weißes Rauschen

Unterwegs will ich nur meine Ruhe, bloß keine Musik. Das asynchrone „Wusch“ nach jedem Holpern der Räder unterhält mich eine Weile. Ist schon lustig, wie der minimal verspätete Antischall ein lautes Geräusch in zwei kurz aufeinander folgende leise spaltet.

Dann fällt mir der White-Noise-Player von vorletztem Jahr ein. Wie klingen die Naturgeräusche wie Meeresrauschen, Regenrauschen, Wasserfallrauschen hier?
Ich spiele das Regenrauschen ab, das ich bisher ausschließlich als White Noise zum Schlafen gehört habe. Innerhalb weniger Sekunden scheint die Umgebung zu verblassen. Das künstliche Rauschen mischt sich mit den Rest-Umgebungsgeräuschen und dem Eigenrauschen des „NoiseGuard“, gefühlt überdeckt es sie sogar.
Der Effekt: Mein Hirn schaltet auf „Gute Nacht“; wie durch Magie fühle ich mich entspannter und ruhiger, als es möglich sein dürfte. Da ist es richtig schade, dass ich schon am Ziel bin und den Hörer einstecken muss.
Denn, ganz wichtig: Als Fußgänger bitte immer alles hören!

Fazit

Active Noise Cancelling ist kurz gewöhnungsbedürftig, macht aber schnell süchtig. Man sollte nicht erwarten, dass Umgebungsgeräusche komplett verschwinden. Stark gedämpft wird nur relativ statischer Lärm, alle kurzfristigen Geräusche wie Durchsagen und Hupen werden lediglich unter die Schmerzgrenze gedrückt. Das ist auch gut so, denn sonst könnte man Wichtiges überhören.
Die Physik lässt sich natürlich auch nicht überlisten, so lassen sich interessante Phänomene der Akustik beobachten.
Mein Gesamturteil besteht darin, dass ich den Kopfhörer nicht wieder hergebe. Fürs Nachfolgeprodukt wünsche ich mir jedoch eine Wind-Erkennung.